
Letzte Woche waren mein persönlicher Fotograf und ich wieder für die Stiftung Presencia in Medellín. Der Auftrag: Fotos einerseits fürs Spendermagazin, das ich wieder texten darf, andererseits für Web und Projektberichte. Die Stiftung Presencia kümmert sich um rund 500 Kinder und Jugendliche aus armen Familien vor allem in Medellín. Das Geld dafür sammelt sie in der Schweiz. Seit 2019 verantworte ich einen Teil ihrer Kommunikation (Spendermagazin und Newsletter). Diese Zusammenarbeit liegt mir besonders am Herzen.
Wir haben dafür im Armenviertel San Antonio del Prado zwei Standorte der Stiftung besucht und eine Familie, dazu weitere Orte, wo Aktivitäten mit Begünstigten stattfinden, eine Universität und eine Ausbildungsstätte. Ein Shooting mit drei ehemaligen Begünstigten fand in einem grossen Park im Zentrum statt.
Es sind viele gute Bilder entstanden, die Mühe hat sich gelohnt. Aber bei der Titelgeschichte gibt es ein Problem: In dem Erfahrungsbericht einer Begünstigten geht es um Melany, eine Jugendliche aus dem Armenviertel mit schweren psychischen Problemen. Grund dafür sind die Konflikte innerhalb der Familie. Melany steht zwischen den Fronten. Seit drei Jahren kämpft sie deshalb mit Depressionen, Selbstverletzung, Panikattacken. Auf den Fotos lächelt jedoch eine hübsche Sechzehnjährige mit manikürten Fingernägeln und goldfarbenem Ührchen. Man sieht auch Dinge wie Fernseher, Drucker, ein Büchergestell mit gerahmten Fotos.
Was man nicht sieht: In drei engen Räumen plus Küche und winzigem Bad leben sieben, manchmal acht Personen. Im Entrée steht unter der Treppe der einzige Tisch. Zwei Zimmer haben keine Fenster, nicht einmal Türen. In der einfachen Küche hängt hinter dem Topf mit Kartoffeln die Unterwäsche zum Trocknen. Im zweiten Stock betreibt Melanys Grosscousine eine Näherei. Vor dem Haus steht der Grillstand von Melanys Mutter (ermöglicht durch eine Anschubfinanzierung der Stiftung), an dem sie nachts und an den Wochenenden bis früh morgens Arepas, Würste und anderes anbietet. Die Mutter schläft, während wir uns daneben lautstark unterhalten. Sieben ineinander geschachtelte Leben. Und das Geld ist immer knapp.
Armut erhöht die Wahrscheinlichkeit für Konflikte und psychische Probleme. Aber auf den Fotos sieht man davon nichts. Während des Shootings bekomme ich eine Dauerwerbesendung der Grosstante zu hören. Wie speziell, fleissig und gut erzogen Melany sei, wie liebevoll die Atmosphäre daheim. Die robuste, ältere Frau will eine heile Welt zeigen. Verständlich. Wir können den Leuten nicht sagen, sie sollen doch bitte unglücklich schauen, ein paar Tränen wären ideal, sich nicht schön machen und uns etwas vorstreiten.
Die Fotos braucht es. Sie geben den Geschichten ein Gesicht. Wichtiger ist jedoch der Text. Er dringt durch die Oberfläche, ordnet ein und erklärt, warum diese und viele andere Menschen hier die Unterstützung der Stiftung – und der Spenderinnen und Spender in der Schweiz – brauchen und verdienen.
Melanys ganze Geschichte gibt’s ab Ende November im Spendermagazin «Presencia News».

Ich finde die Bemerkungen über die Bedeutung von Photos und von dem dazugehörenden Text sehr interessant und heute ganz besonder wichtig. Auf jeden Fall die Stiftung Presenzia hat sehr grosse Verdienste. Helga Kilcher
This article deeply touches me. Seeing Melanys struggle against poverty and mental health issues contrasts sharply with the cheerful photos. It highlights the complex reality behind aid and the importance of truthful storytelling.