Angst macht blöd

Vorsicht vor den Ausländern! (Bild: M. Schäfer, Textrakt)
Links: von Natur aus geschützt, rechts: von Natur aus Virenschleuder (Bild: M. Schäfer)

Noch bevor die Pandemie nach Kolumbien kam, kamen Ausländerfeindlichkeit und Schuldzuweisungen. Kein Wunder: Die Nachrichtenkanäle waren voller infizierter Ausländer.

Erstaunlich, ist es doch wissenschaftlich und anderweitig bewiesen, dass auch gut betuchte Kolumbianerinnen und Kolumbianer gerne und weit reisen. Aber berichtet wurde mehrheitlich so, als ob das Virus zu kolumbianischen Staatsangehörigen im Ausland respektvoll Abstand halten würde – bitte nach Ihnen, Señor, Señora – um dann die erstbeste andere Nationalität anzuspringen. Keine Rede von all den Rückkehrenden, die sich mit dem Virus im Gepäck nach Hause flüchteten, bevor sie anderswo in eine Ausgangssperre gerieten.

Die Suche nach den fremden Sündenböcken im Zusammenhang mit Pandemien: Dieser Effekt ist natürlich weder neu, noch auf Kolumbien beschränkt. Wir kennen das aus der Geschichte (Beispiel Judenverbrennungen zu Pestzeiten) und der Moderne („das chinesische Virus“). So gefährlich wie die Krankheit ist immer die Angst, die ihr vorauseilt und gerne für politische, wirtschaftliche und andere Zwecke instrumentalisiert wird.

Es ist unheimlich, dies am eigenen, sensiblen Leib zu erfahren. Warfen einem die Menschen prä-Corona freundliche oder neugierige Blicke zu, wurden diese immer öfters misstrauisch oder sogar feindselig. Zu Beginn versucht man noch zu lächeln. Aber bald fährt die innere Mauer hoch, wird man selber unfreundlich, schaut in eine andere Richtung oder blickt zu Boden, so dass man auch die nicht mehr sieht, die einen freundlich anlächeln.

Die Ausgangssperre hat viele Nachteile. Aber immerhin glotzt daheim keiner blöd.

Ich verstehe die Angst, wir kennen sie alle. Aber sie darf nie Entschuldigung dafür sein, andere auszugrenzen. Ich denke dabei an all jene Menschen, die aufgrund ihrer Hautfarbe oder anderer Merkmale viel länger, vielleicht sogar ein Leben lang, solche Blicke ertragen müssen. Da sind ein paar Monate Corona-Rassismus nicht mehr als eine lehrreiche Erfahrung.

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