Wie Presencia Zukunft gibt

Eine Woche in Medellín, eine Woche unterwegs in den ärmsten Quartieren der Stadt. Ich begleite das Team der Schweizer Stiftung Presencia, das nach drei Jahren wieder ihre kolumbianische Partnerorganisation Funayabesuchen kann. Die beiden Organisationen arbeiten Hand in Hand. Was Presencia in der Schweiz an Spenden generiert, setzt Funaya in Projekte vor Ort um.

Falsch, nicht in Projekte. Presencia, in den 80er Jahren gegründet vom Basler Andreas Hauri, investiert in Menschen. Die Stiftung unterstützt über 600 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene – finanziell, aber vor allem auch mit enger fachlicher Begleitung, die oft bis rund 15 Jahre dauern kann. Sie setzt alles daran, sie im Bildungssystem zu halten, ihnen einen Berufsabschluss und damit einen Ausweg aus der Armut zu ermöglichen. Während der langen Zeit werden die Betreuerinnen und Betreuer für die Begünstigten wie eine zweite Familie und die Sitze der Stiftung zum zweiten Daheim.

Die Armenviertel haben klingende Namen wie El Limonar, La Florida und Palo Blanco. Keine Orte, an die sich Fremde verirren sollten. Sie befinden sich an den Hängen rund um die Millionenstadt, wo die Gassen eng sind und die Probleme gross: überbelegter Wohnraum, Arbeitslosigkeit, fehlende Infrastruktur, Drogen, Gewalt, Prostitution, Teenagerschwangerschaften. Seit zwei Jahren arbeite ich mit Presencia zusammen. Jetzt werde ich mit eigenen Augen sehen, ob und wie die Hilfe ankommt.

 

Tag 1:
In Begleitung von Funaya-Direktor Jaime und Programmkoordinatorin Sandra steigen wir eine steile Strasse empor. Die Gegend wirkt ländlich, ist aber Teil der Stadt. Wir sind bei einer Familie zum Mittagessen eingeladen. Kinder kommen uns entgegen, darunter auch Begünstigte der Stiftung. Dass sie und ihre Familien unterstützt werden, ist ihrem schulischen Engagement und ihrer Teilnahme an den Aktivitäten der Stiftung zu verdanken. Auch die Eltern haben klare Verpflichtungen einzuhalten, zum Beispiel die Teilnahme an Workshops. Wer wiederholt fehlt oder die Ausbildung vernachlässigt, fliegt irgendwann aus dem Programm. Hilfe zur Selbsthilfe ist das Motto, geschenkt wird nichts.

Wir bekommen ein leckeres Sancocho vorgesetzt, eine traditionelle Suppe mit Kartoffeln, Fleisch und Yuca, dazu Reis und Salat. Die Familie erzählt uns von ihren Schwierigkeiten, mit wenig Geld ein Haus zu bauen. Mieten sind sehr teuer, wer kann, baut oder kauft. Aber die Strukturen sind aus billigem Material und müssen oft geflickt werden.

Eine ausserordentliche Pandemie-Spende aus der Schweiz ermöglichte es Presencia, ausgewählte Familien zusätzlich zu unterstützen: mit Baumaterial, um Wohnungen und Häuser zu verbessern, oder Materialien, um ein kleines Unternehmen auf die Beine zu stellen. Bei dieser Familie wurde mit dem Geld das Badezimmer verbessert. Aber auch das Dach ist undicht und muss geflickt werden. Jaime schätzt den Aufwand ab.

Weiter oben im Quartier bei der nächsten Familie. Die Tochter ist ebenfalls Begünstigte der Stiftung, sie hilft gerade ihrem Vater, das Auto zu reparieren. Während bei der letzten Familie alles sauber und geordnet war, ist es hier chaotischer, elender, schmutziger. Dank der ausserordentlichen Spende wurde immerhin das Dach geflickt.

Schwarze Wolken ziehen über den Himmel, wir beschleunigen unseren Schritt. Talwärts betreten wir einen kleinen Kiosk. Er gehört der Mutter von Maria Fernanda, ebenfalls Begünstigte der Stiftung. Das Mädchen ist aufgeweckt, fragt und erzählt viel. Ihre Mutter konnte dank des Spezialfonds während der Pandemie Waren kaufen, um ihr Geschäft zu gründen. Jetzt versorgt sie die Nachbarschaft mit dem Notwendigsten, der nächste grössere Laden ist weit. Wie wenig sich die Menschen hier leisten können, ist an den kleinen Packungen sichtbar. Maria Fernanda haben es die Kaugummis angetan, die ihre Mutter verkauft. Sandra warnt vor Karies. Sie habe bei der letzten Kontrolle nur ein Loch gehabt, wehrt sich Maria Fernanda. Die Stiftung sorgt auch dafür, dass ihre Begünstigen medizinisch betreut werden. Als sich ein Wolkenbruch über das Viertel ergiesst, erwischen wir die einzige Transportmöglichkeit zurück: Privatautos, die als öffentliches Verkehrsmittel funktionieren.

Tag 2:
Ich lerne am grösseren der beiden Sitze, «Mi Casita», die anderen zwölf Mitglieder des Teams von Funaya kennen. Die meisten sind selber ehemalige Begünstigte und haben dank der Stiftung ihren Beruf erlernt. Für die Kinder und Jugendlichen sind sie wichtige Vorbilder. Sie kennen die Herausforderungen der Familien genau. Reihum erzählen sie von ihrem Werdegang. Sie stellen Fragen über die Schweiz. Wir erzählen vom Winter und den vier Sprachen. Und dass wir auch spät nachts ohne Angst alleine in den Strassen unterwegs sein können – vor Ort undenkbar.

Später treffen wir uns mit ehemaligen Begünstigten in einem Café in der Stadt. Ich interviewe Sebastián und Angie für das Spendermagazin. Beide haben ihre Ausbildungen abgeschlossen, er als Sportlehrer, sie als Spezialistin für Logistik. Noch haben sie nicht die Jobs, die sie sich erhoffen. Aber ein guter Start ist geglückt.

Tag 3:
Als erstes besuchen wir heute Alba. Sie hat drei Söhne, von denen der Jüngste, Sebastián, zu den Begünstigten der Stiftung gehört. Alba fabriziert Accessoires wie Armbändchen, Ketten und Ohrringe. Sie konnte dank des Spezialfonds mehr Material kaufen und so ihr Unternehmen ausbauen. Auch die Söhne helfen mit. Das Geschäft läuft mittlerweile gut und mit dem Einkommen und dem ihres Mannes reicht es zum Leben. Albas Ziel ist es, Frauen anzustellen, um die Produktion weiter zu vergrössern und so auch anderen ein Einkommen zu ermöglichen.

Im nächsten Quartier mahnen unsere Begleiter zur Vorsicht. Zwar sind die Mitarbeitenden der Stiftung bekannte Gesichter, aber Unbekannte stossen auf Misstrauen. Wir besuchen Diana, Mutter eines begünstigten Jugendlichen. Zur Wohnung führt eine Treppe hinunter. In den zwei ärmlichen Zimmern gibt es keine Fenster, natürliches Licht fällt nur einen kleinen Lichtschacht und die offene Tür. Nachdem die anderen Kinder ausgezogen sind, ist die Familie noch zu dritt. Geschlafen wird im gleichen Raum. Der Jugendliche sitzt zurückgezogen auf dem Bett und taut erst auf, als wir ihn nach den Medaillen an der Wand fragen, die er beim Fussball gewonnen hat. Diana ist froh über die kleine Küche, die sie dank der Stiftung einbauen konnte. Das sei der Ort, an dem sie nun am liebsten sei. Als nächstes wird noch das winzige Bad gemacht.

Tag 4:
Wir nehmen an einem Workshop im zweiten Sitz «El Limonar» teil, wo Juan, der Familientherapeut, den Eltern den wichtigsten Grund für den Abschluss einer Ausbildung erklärt: Opportunitäten, also Chancen auf einen richtigen Beruf und ein Einkommen über dem Mindestlohn. Ich finde mich in einer Gruppe wieder, die in einem Rollenspiel eine Jugendliche motivieren soll, weiter zur Schule zu gehen. Der junge Vater neben mir erzählt, wie er früher seine Zeit auf der Strasse verbracht hat, anstatt in der Schule. Er sieht wie ein Rapper aus. Jahre später schaffte er noch den Schulabschluss. Alle applaudieren herzlich.

Weiter unten im Quartier, an einem Bach, wo sich Menschen ihre Behausungen teilweise aus Brettern und Wellblech basteln. Der Vater von fünf Kindern – alle Begünstigte der Stiftung – hat hier eine kleine Gärtnerei und ein einfaches Backsteinhaus aufgebaut, das dank der Stiftung erweitert werden konnte. Als ich frage, wie es hier um die Besitzverhältnisse stehe, treten dem Mann Tränen in die Augen. Es sei das dritte Haus, das er hier gebaut habe. Er zeigt mir Fotos. Das erste sei ihm von einer venezolanischen Familie weggenommen worden, das zweite mangels Bewilligung von der Stadt zerstört. Wir trinken Tee mit Kräutern aus seinem Garten. Alejandro, der zweitälteste Sohn, lernt Deutsch und fragt uns nach unserer Ausbildung. Die älteste Tochter studiert Modedesign und arbeitet daneben in einem Restaurant. Sie vernachlässige ihr Studium, um mehr Geld zu verdienen und sich Dinge leisten zu können, sagt Sandra, als wir weitergehen. Sie wolle der Armut entfliehen, aber auf dem falschen Weg.

Die nächste Familie lebt in einem Haus im traditionellen Baustil. Die Miete ist günstig, das Haus in schlechtem Zustand. Die Familie hat zwei Töchter, die ältere gehört zu den Begünstigten. Ihre Mutter verkauft abgepacktes Fruchtfleisch für Säfte sowie Würste, die wir probieren dürfen. Von der Stiftung hat sie finanzielle Unterstützung und Know-how erhalten. Jaime – sie nennt ihn «Profe», Lehrer – will genau wissen, wie sie Gewinn erwirtschaftet und ihr Geschäft ausbauen will, damit der Unterhalt der Familie langfristig gesichert ist.

Zurück in «Mi Casita» findet gerade eine Veranstaltung statt. Kinder und Jugendliche strömen ins Haus. Es wird viel geschwatzt und gelacht. Wir verabschieden uns und fahren wieder los. Die letzte Familie, die wir besuchen, lebt mit anderen auf einer Art Bauernhof. Sarah, die Begünstigte, ist nicht da. Sie besucht gerade ihre Mutter, die vom Vater getrennt lebt. Dank der Stiftung hat das Mädchen ein eigenes Zimmer bekommen. Zwar ist es klein und es gibt keine Fenster, aber immerhin Privatsphäre. Die Grossmutter, die sich hauptsächlich um ihre Enkelin kümmert, macht sich Sorgen um den Teenager. Beide Eltern haben Drogenprobleme. Sie konsumieren Basuco, ein hochgiftiges Abfallprodukt aus der Kokainproduktion. Sarah ist unglücklich, weil es ihren Eltern schlecht geht.

Unser Besuch ist zu Ende. Was wir gesehen haben, belastet, was wir gehört haben ebenso. Zum Beispiel, dass Maria Fernandas Grossvater und ihr Onkel lange vor ihrer Geburt im Quartier ermordet wurden. Oder dass Sebastián, der Sportlehrer, als Dreijähriger nach Medellín kam, nachdem seine Familie auf dem Land bedroht und der Vater umgebracht worden war. Gewalterfahrungen sind nicht die Ausnahme, sie sind die Regel. Die Menschen der Armenviertel tragen nicht nur an der Gegenwart schwer, sondern auch an ihrer Vergangenheit.

Trotz der bedrückenden Armut und der vielen Probleme: Ich nehme auch ein gutes Gefühl mit. Das Team von Presencia leistet hier hervorragende Arbeit mit viel Herz und Respekt für ihre Schützlinge. Und in den Familien, in denen wir immer herzlich empfangen wurden, ist die Hoffnung, dass die Zukunft eine bessere wird, ganz stark spürbar. Die Aussage von Ana Marcela, einer Mitarbeitenden und ehemaligen Begünstigten, hallt in meinem Kopf nach. Erst durch die Unterstützung der Stiftung habe sie gelernt, von einem anderen Leben zu träumen. Einem Leben, wie sie es heute führt.

Ich werde die Geschichten dieser Menschen mitnehmen und sie für Presencia erzählen. Jetzt mit noch mehr Wissen und Verständnis dafür, wie die Stiftung dank der Spenden aus der Schweiz das Leben dieser Menschen nachhaltig zum Guten verändert.

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One thought

  1. Ein schöner und ausführlicher Bericht über die Aktivität der Stiftung Präsentia in Kolumbien, der einem Hoffnung auf die Zukunft vermittelt. Gut, dass es derartige Stiftung gibt.

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