Trümmerhaufen und Neuanfang

In diesen Säcken warten Trümmer auf den Abtransport (Bild: M. Schäfer)
In diesen Säcken warten Trümmer auf den Abtransport (Bild: M. Schäfer)

Etwas mehr als ein Monat ist seit dem grossen Beben vergangen. In Manizales sind tausende Gebäude beschädigt, 1500 sind unbewohnbar. Es gibt Häuser mit Rissen und klaffenden Löchern, Häuser ohne Fassaden oder Fassaden ohne Haus. Die meisten Strassen sind wieder offen oder nur für den Schwerverkehr gesperrt. Am Strassenrand türmen sich Trümmer. Im Eiltempo werden weiterhin Gebäude gesichert oder ganz demontiert und Schutt abtransportiert.

Die Stadt steht auf, klopft den Staub ab, richtet ihre Krone und geht weiter. Es gibt keine Alternative zu einer schnellen Rückkehr zur Normalität, in einem Land, in dem so viele von der Hand in den Mund leben. Überall finden Märkte statt, wo Unternehmen, die ihren Standort verloren haben, ihre Produkte anbieten. Die Stadtverwaltung arbeitet pragmatisch, mit mobilen Stationen in den Quartieren, wo Hilfe koordiniert wird. Der Bürgermeister kann Krisenkommunikation. Zeitnah, aktiv, authentisch, unermüdlich, nahe bei den Leuten und mit viel Empathie als einer, der wie alle unter Schock steht. Das gab von Anfang an Halt.

Seit ein paar Tagen funktioniert die Linie 3 der Seilbahn wieder, die erst kurz vor dem Beben eingeweiht worden war. Das Ersatzteil dafür kam aus dem Südtirol. Die Sporthalle, in der vorübergehend 200 Menschen lebten, hat schon vor zwei Wochen die letzte noch verbliebene Familie verabschiedet. Alle sind zumindest provisorisch irgendwo untergekommen, aber die Wohnungsnot ist gross. Viele Menschen haben alles verloren, nicht nur ihr Daheim und Hab und Gut, sondern oft auch die Einkommensquelle, sei es, weil ihr Arbeitgeber ebenfalls zu den Geschädigten gehört oder ihr Wohnort auch Arbeitsort war.

Noch immer schwankt uns allen ab und zu der Boden unter den Füssen – Phantombeben. Ein lautes Geräusch, eine Vibration oder eine Sirene lassen uns zusammenzucken, der Körper schaltet auf Alarmbereitschaft. Drei Berufsgruppen sind momentan Mangelware: echte Statikprofis, Handwerker und psychologisch geschulte Fachleute. Es gibt viele schlimme Geschichten. Das Trauma ist gross. Wie schrecklich muss es erst für jene sein, die näher am Epizentrum waren, wo mehr Menschen gestorben sind und mehr Infrastruktur zerstört wurde.

Der umgekippte Uhrenturm der Kathedrale ist ein Symbol geworden für das Erdbeben vom 10. August. Wir haben sehr viel Solidarität und Anteilnahme erfahren – viel mehr, als wir uns je hätten träumen lassen. Dafür sind wir unendlich dankbar und geben von diesem Glück weiter, indem wir auch andere unterstützen. Fürs Café arbeiten wir an einer Nachfolgelösung. Der neue Standort in der Nähe der Kathedrale ist vielversprechend, hat aber kleinere Erdbebenschäden. Es gibt noch viel zu tun.

Mit den Rissen in den Wänden und in der Seele werden wir noch eine Weile leben müssen. Doch es werden wieder Feste gefeiert und wir wagen wieder zu träumen.

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