Erschüttert

Ein umgestürztes Gebäude wird bereits abgetragen (Bild: M. Schäfer)
Ein umgestürztes Gebäude wird bereits abgetragen (Bild: M. Schäfer)

Am Montagmorgen, 10. August 2026, 7.34 Uhr stand die Welt gleichzeitig still und auf dem Kopf. 90 endlose Sekunden lang.

Auf dem Gasherd kochte gerade der Porridge, bräunte die Arepa. Dann flog alles durch die Luft. Der Kleiderständer, der Vogelkäfig, der Inhalt der Küchenschränke und Büchergestelle, Pflanzen. Ein furchterregendes Getöse und Gerumpel. Zu gefährlich, aus dem siebten Stock jetzt nach draussen zu fliehen. Wir hielten uns stehend an der Wand im engen Korridor fest, tragende Mauern, nichts, das kippt. Im Ohr ein Gebet, im Kopf nur ein Gedanke, der sich wiederholte wie ein Mantra: «Bitte hör auf, bitte hör auf, bitte hör auf.» Vor dem inneren Auge flimmerten Bilder zusammengestürzter Häuser in Venezuela.

Irgendwann wurde es still. Der Weg zum Notfallrucksack war blockiert. Wir schnappten, was uns in dem Moment wichtig erschien (nicht das, was tatsächlich wichtig gewesen wäre). Panikerfüllte Vögel einfangen und in den Käfig packen. Gas abstellen. Durch das unversehrte Treppenhaus samt Vogelkäfig ins Freie, wo sich die zitternde Nachbarschaft zusammenfand. Dann warten, lange warten, aus Angst vor Nachbeben.

7.4 auf der Richterskala, mit einer Tiefe von etwas 103 Metern, Epizentrum in einem bis dahin bedeutungslosen Ort namens San José del Palmar im Departement Chocó, wo wir erst die Woche zuvor auf Reportage für die Stiftung Presencia waren. Dieses Erdbeben ist nicht das erste, das wir erleben, auch nicht das erste grosse. Auf dem Pazifischen Feuerring bebt es ständig mehr oder weniger stark spürbar. Aber niemand hat zu Lebzeiten ein solches Beben erlebt.

In Manizales gab es sechs Tote, Verletzte, eingestürzte und stark beschädigte Gebäude, daneben auch Gebäude ohne einen Kratzer. Unser Gebäude (Erdbeben resistent) wurde bereits am Tag nach dem Erdbeben wieder als strukturell sicher klassifiziert. Zwar gibt es Risse in einigen Wänden und Sachschäden am Mobiliar, aber sonst alles problemlos. Viel schlimmer hat es andere Städte und Regionen getroffen, darunter Cali, Pereira und Quibdó. Manizales hatte Glück, sehr viel Glück. In unserem Umfeld sind alle gesund, einige können aber nicht zurück in ihre Wohnungen.

Es gab viele kleine Nachbeben, nur zwei davon waren spürbar, je nachdem, wo man sich gerade befand. Der Weg zurück in den Alltag ist schwierig, auch für jene, die kaum etwas verloren haben. Die Nerven liegen blank, die innere Erschütterung bleibt. Es ist ein normales Phänomen, dass man ab und zu meint, die Erde bewege sich wieder. Auch Schlaf- und Konzentrationsprobleme oder plötzliches Weinen. Es wird besser werden.

Wie geht es weiter?

Staub liegt in der Luft, die Stadt räumt auf. Freiwillige helfen beim Wegräumen von Schutt und Retten von Hausrat, andere bringen Kleider, Medikamente und Lebensmittel zu Sammelstellen. Die Solidarität ist beeindruckend und berührend. Versicherungen? Teuer, drum sehr wenig verbreitet. Staat? Erdbebenszenarien werden regelmässig mit der Bevölkerung simuliert. Das lohnt sich. Zumindest in Manizales funktionieren Schutz, Rettung und Infrastruktur erstaunlich gut.

Neben Privaten stehen jetzt auch viele Unternehmen vor dem Aus, weil sie Lokalitäten und Geschäftsgrundlage verloren haben. Das Bild vom umgekippten Uhrenturm der Kathedrale ging um die Welt. Darin war das Café Tazzioli meines Partners untergebracht, das er dort 15 Jahre lang geführt hat. Der Turm ist abgesackt, fast das ganze Mobiliar ist zerstört. Ein grosses Glück, dass das Erdbeben früh morgens zuschlug, an dem Tag, an dem das Café zu ist und er noch daheim.

Spenden

Viele haben mir geschrieben, die gerne helfen möchten. Das ist sehr lieb und schätzen wir sehr. Dafür habe ich nun ein Konto eingerichtet:
IBAN CH40 0900 0000 3153 5020 9 (Postfinance), Schäfer Martina Simone, 4303 Kaiseraugst

Bitte vermerken, wofür das Geld verwendet werden soll:

  • Allgemeine Spende: Für Sach- oder Geldspenden nach aktuellem Bedarf vor Ort
  • Neustart Tazzioli Café: Mein Partner möchte so rasch wie möglich das Café an einem kleineren Übergangsort in der Nähe der Kathedrale wieder auf die Beine stellen. Ein geeignetes Lokal muss er noch finden. So verlieren nicht alle Angestellten ihr Auskommen. Ein Teil der Schäden übernimmt eventuell eine Versicherung, aber die Finanzierungslücke wird sicher erheblich sein.

Herzlichen Dank, auch für all die lieben Nachrichten und guten Wünsche, die wir erhalten haben!

Auch allen, die etwas an eines der vielen Hilfswerke (SRK, Swissaid, Heks und andere) spenden, die jetzt für Kolumbien sammeln, danke ich von ganzem Herzen. Vor allem die Region Chocó ist auf Hilfe angewiesen, weil sie schwer erreichbar ist und einen hohen Anteil armer Bevölkerung hat. Jede Spende hilft.

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