Mit Vollgas zum Stillstand

Ley seca in Manizales (Bild: M. Schäfer, Textrakt)
Nichts mit Corona-Party, der Alkohol bleibt im Laden: «Ley seca» in Manizales (Bild: M. Schäfer)

Offizieller Stand der Dinge am Freitagmittag: 145 Fälle des neuen Coronavirus in Kolumbien, noch keine Toten. Anzahl offizielle Fälle im Departamento Caldas: 2. Alle wissen, dass es viel mehr Infizierte gibt.

Der junge, grüne Bürgermeister von Manizales, Carlos Mario Marín, hat eine Mission: Er will seine Stadt vor dem Virus schützen – und ergreift drastische Massnahmen zu einem, im internationalen Vergleich, sehr frühen Zeitpunkt.

Es begann letzte Woche mit den Parks, Sportanlagen und Nachtlokalen. Am Montag kamen Schulen, Universitäten, Restaurants und Cafés dazu. Hauslieferungen der Restaurants bleiben erlaubt. Aber sogar die Kirchen sind geschlossen. Jede mögliche Art von Unterricht und Arbeit wird ins Internet verlegt. Das «Ley seca» gilt, das normalerweise am Abend vor Wahlen in Kraft gesetzt wird: Es darf kein Alkohol ausgeschenkt oder in Läden verkauft werden. Bis auf Weiteres.

Seit Dienstag müssen Menschen über 60 und unter 18 daheimbleiben. Rund um die Uhr. Jeweils ab 19 Uhr abends bis 5 Uhr morgens gilt die Ausgangssperre für alle. Die Bevölkerung nimmt es hin und hält sich gut an die Vorgaben. Man hilft sich gegenseitig, sucht Lösungen. Wer murrt, murrt über den Präsidenten.

An vielen Orten der Stadt gibt es mobile, betreute Posten, wo man sich zwischendurch die Hände waschen kann. Touristen haben keinen Zugang mehr zur Stadt, Reservierungen in den Hotels wurden gestrichen. Am Busbahnhof und am Flughafen wird desinfiziert und Fieber gemessen. Es sind Unterschriftensammlungen im Gang, die auch die Schliessung der Flughäfen verlangen.

Mehr als 10 Leute am gleichen Ort sind verboten. Letzte Woche schon wurden im Departamento Caldas Veranstaltungen über 50 Personen verboten, als der Präsident erst bei über 500 ansetzte. Dann die Ausgangssperre. Sein Vorgehen hat Carlos Mario einen Rüffel des Präsidenten Ivan Duque eingetragen. Er hätte ihn zuerst fragen müssen, anstatt eigenmächtig zu handeln. Manizales, das Uri Kolumbiens – nur mit mehr Einwohnern.

Morgen schaltet der Bürgermeister noch einen Gang höher: Ab Samstag 14 Uhr bis Dienstagmorgen 5 Uhr hat die ganze Stadt Hausarrest. Lebensmittelläden, Apotheken und Drogerien bleiben geöffnet, Restaurants und Take-aways dürfen liefern. Wer nicht raus muss, um Lebensmittel zu kaufen, einen Notfall hat oder jemandem helfen muss, bleibt daheim.

Erste Erleichterungen werden gesprochen, um den Druck von den Menschen zu nehmen. Zum Beispiel werden Wasseranschlüsse jener reaktiviert, denen sie wegen Nichtbezahlens der Rechnung abgestellt wurden, und fällige Zahlungstermine nach hinten verschoben.

Viel schneller als das Virus verbreiten sich die Informationen. Mit dem Kampf gegen das Virus geht ein Informationstsunami auf allen Kanälen einher. Den stärksten Eindruck hinterlassen die kolumbianischen Landsleute, die in Spanien in der Quarantäne fiebern oder in Italien als Ärzte arbeiten. Sie senden Videobotschaften mit Warnungen an die hiesigen Medien, die sie auf ihren Kanälen zeigen. Sie werden gehört.

Über die sozialen Medien wissen alle über den nächsten Schritt des Bürgermeisters Bescheid. Er kommuniziert aus dem obersten Stock des Rathauses, einer Bausünde im Hochformat, per Video-Streaming auf Facebook und Instagram. Auch Twitter wird eingesetzt. Kaum wird eine neue Medienmitteilung publiziert, wird sie per WhatsApp auch schon verteilt.

Es steht sehr viel auf dem Spiel. Wird Carlos Mario seine Stadt vor dem Schlimmsten bewahren können? Wir sind zuversichtlich – und bleiben daheim.

One thought

  1. Vielen Dank für den schönen Bericht. Es steht für uns alle viel auf dem Spiel, wenn es dabei nur um unser Leben geht. Das „trockene Gesetz“ lässt einen schmunzeln.

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